Adele – oder wie das Walross nach Sylt kam

Sylt im Jahr 1960. Damals tickten die Uhren noch etwas anders. So war zum Beispiel die Seehundjagd noch erlaubt. Im Sommer, genauer gesagt am 27. Juli, war der Seehundjäger Curt Dethlefs mit der “Palucca” auf See als ein Koloss sein Aufsehen erregte. Dethlefs und sein Matrose Paul Goszinak hatten ein auf dem Ellenbogen gestrandetes Walross entdeckt …

Das Tier erschien abgemagert und krank – daher erlegte Dethlefs den Seehund. Wenig später schipperte die “Palucca” mit der außergewöhnlichen Fracht in den Lister Hafen ein. Schnell sprach sich die Kunde vom “Lister Walross” herum und Schaulustige versammelten sich am Hafen um das rund 800 Kilo schwere und 4,5 Meter lange Tier zu bestaunen.

Curt Dethlefs wollte das Tier nicht haben

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Sorgte auch bei der “zweiten” Heimkehr wieder für Aufsehen: Walross Adele.

Damals gehörte ein Tier automatisch dem, der es erlegte. Doch Curt Dethlefs hatte kein Interesse an dem Walross. Wohl aber Günther Behrmann, ein Präparator aus Bremerhaven. Er nahm sich dem Leichnam an und machte sich mit Martin Söhl, einem Mitarbeiter der Wattenmeerstation Sylt, an die Arbeit. Mehrere Monate dauerte die kunstvolle Präparation. Die Arbeit an dem Seehund ergab außerdem, dass das nur noch über einen Stoßzahn verfügende Tier an einer Zahnhöhlenvereiterung litt. Dadurch konnte das Walross keine Nahrung aufnehmen, war wohl desorientiert und daher gestrandet.

Im Laufe der Präparation erhielt das Walross auch seinen Namen: Günther Behrmann taufte es auf den Namen Adele. Namenspatin war die Volksschauspielerin Adele Sandrock, die damals sehr bekannt und beliebt war. Im Nordseemuseum Bremerhaven fand Adele schließlich ihr vorläufiges Zuhause. Bis in die frühen 2000er Jahre, als das Museum seine Pforten für immer schloss. Dann wurde es still um Adele.

Heimatforscherin Silke von Bremen brachte Adele wieder in Erinnerung

Die Sylter Heimatforscherin Silke von Bremen war es schließlich, die Adele wieder “lebendig” werden ließ. Sie führte ein Interview mit einer der Töchter des Seehundjägers Curt Dethlefs und durfte im Rahmen ihrer Recherchen auch in alten Fotoalben blättern. Als sie das Foto von Adele sah, traute sie ihren Augen kaum. Ein Walross auf Sylt? Das gibt’s doch gar nicht!

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Ein Walross auf Sylt? Gibt’s nicht? Gibt’s wohl! Adele “begrüßt” die Gäste im Erlebniszentrum Naturgewalten in List.

Sie setzte sich ans Telefon und rief im Erlebniszentrum Naturgewalten an. Von Bremen erzählte Geschäftsführer Dr. Martin Strasser die Geschichte von Adele und forderte ihn auf, der Sache auf den Grund zu gehen. Neugierig geworden machte sich Dr. Strasser auf die Suche nach Adele – und wurde tatsächlich fündig. In der Lagerhalle, in der hunderte Exponate des geschlossenen Nordseemuseums einen Dornröschenschlaf fristeten, fand sich auch eine große Holzkiste. Darin: Adele.

Dr. Matthias Strasser fackelte nicht lange: Das Lister Walross gehört nach Sylt. Er vereinbarte einen Ausleihvertrag und brachte Adele nach Hause. Hier, im Erlebniszentrum Naturgewalten, begrüßt Adele nun seit einigen Jahren die Gäste im Foyer. Interessierte können sich an der interaktiven Station, die das Erlebniszentrum rund um Adele geschaffen hat, den Originalfernsehbeitrag von 1960 ansehen, in dem Seehundjäger Curt Dethlefs, der Präparator Günther Behrmann sowie ein Tourist zu Wort kommen.

An der Hörstation werden die wichtigsten Fragen rund um Adele beantwortet. Zudem gibt es Interviews mit Günther Behrmann sowie dem Matrosen Paul Goszinak zu hören.

Erlebniszentrum Naturgewalten
Hafenstr. 37
25992 List/Sylt
Tel.: 04651/ 836190
www.naturgewalten-sylt.de

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Kathrin

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